Die Photographie
Viele kluge Köpfe haben schon darüber
geschrieben.
Dem mag ich gar nichts zufügen.
Ich photographiere besser, und auch lieber, als ich schreibe.
Ich begeistere mich schnell für Menschen, die mich berühren,
durch was auch immer.
Es kann die Art sein, wie sie sich bewegen, wie sie sprechen, wie
sie schauen, wie sie sich kleiden, wie sie sich halten, mit welchem
Elan sie an etwas herangehen, wie sie sich anderen zuwenden, wie sie
etwas durchstehen, wie sie trauern oder sich freuen... es ist einfach
ihre Haltung zum Leben, die mich begeistert.
Ich empfinde es als ein besonderes Privileg, diese Menschen, die
mich so begeistern, dann auch photographieren zu können. Vor
allem Frauen. Nicht weil ich von Frauen mehr halte als von Männern,
gar nicht. Vielmehr, weil ich Frauen mit weniger Scheu und viel direkter
begegne als Männern, und weil mich eine Anmut begeistert und
eine damit einhergehende Schönheit, die ich bei nur wenigen Männern
bisher im Alltag entdeckt habe. Das mag aber daran liegen, dass ich
mich noch nicht daran gemacht habe, Männer wirklich zu photographieren,
bis auf wenige Ausnahmen, wie meinen eigenen Mann, Peter Lindbergh,
Yohji Yamamoto und Die Toten Hosen. Für die empfinde ich eine
Liebe, eine Begeisterung, oder eine innige Freundschaft.
Und das gehört bei mir einfach dazu: Die Freundschaft oder die
Liebe zu der Person, die ich photographiere. Das hat ja schließlich
damit zu tun, daß man jemanden im wahrsten Sinne des Wortes
"sieht". In die Seele sieht. Ins Herz sieht. Sehen hat ja
auch viel mit "Erkennen" zu tun. Und das kann meines Erachtens
nicht ohne eine Art von Liebe einhergehen. Meine Bilder sind eigentlich
wie eine Hymne, ein Minnelied oder ein Loblied, die ich auf diese
Person singen möchte, nur, ich kann eben nicht gut singen. Das
mußte ich in aller Deutlichkeit schon früh auf der Schauspielschule
begreifen. Dennoch gibt es Menschen, die ich besingen und die ich
umtanzen möchte, weil ich an ihnen eine große Schönheit
entdecke.
"Schönheit" kenne Ich nur in Verbindung mit der Liebe,
sie entsteht in liebenden Augen. In der Abwesenheit von Liebe kann
nur Hässlichkeit entstehen. Und weil ich das eben so empfinde,
springt mein Herz und dann bin ich auch mit der Kamera nicht mehr
zu halten, wenn ich mich in diesen Kreislauf einbezogen fühle.
Manchmal bin ich nicht in der Lage, die Schönheit einer Person
oder einer Situation zu sehen. Dann sind auf den Kontaktbögen
später keine Markierungen zu machen oder im besseren Fall habe
ich erst gar nicht auf den Auslöser gedrückt. Kontaktbögen
sind ein knallharter Spiegel der eigenen Verfassung im Moment des
Photographierens. Das Photographieren hat nämlich vor allem mit
der eigenen Haltung zu tun. Und die sieht man dann auf den Kontaktbögen
unerbittlich vor sich.
Die schönen Augenblicke sind alle geschenkt. Ich empfinde das
umso mehr, weil ich mir nicht von vornherein ein Foto vorstelle und
dann versuche, diese Vision umzusetzen. Ich sage niemandem, wo er
oder sie sich hinstellen soll, wie sie schauen oder posieren sollen.
Nicht, dass ich das nicht versucht hätte. Aber dabei kamen nie
Photos heraus, die mich berührt haben. Was ich viel besser kann,
ist Zeit mit den Person zu verbringen und sie bei all dem, was sie
tun, zu beobachten. Menschen werden für mich am schönsten,
wenn sie sich selbst vergessen. Die Hingabe an etwas, z.B. an ihre
Arbeit, bringt oft erst die besten Eigenschaften einer Person zum
Vorschein, und eben diese interessieren mich. Mit so einer Priorität
muss man auch auf manches "schöne Licht" verzichten.
Ich photographiere dann eben mit dem Licht was da ist.
Jedes gelungene Photo ist für mich ein Geschenk.
Donata Wenders